Dienstag, 7. Juli 2015

Sophie Kinsella: "Finding Audrey"

Sophie Kinsella: "Finding Audrey"


Ein Schuljahr wird Audrey verloren haben, wenn sie zum nächsten Schuljahr hin auf eine neue Schule wechseln wird, nachdem Vorkommnisse auf ihrer bisherigen Schule bei ihr eine ausgeprägte Angststörung, eine Sozialphobie, ausgelöst haben, die ihr aktuell noch einen Schulbesuch komplett und auch den späteren Weiterbesuch der bisherigen Schule unmöglich macht.
Zunächst scheint es für Audrey ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, als ihre Therapeutin sie auffordert, auf „Konfrontationskurs mit Draussen“ zu gehen: Noch schottet sich Audrey nämlich voll ab, versteckt sich im Elternhaus, hat sich sogar dort ein spezifisches Versteck eingerichtet, und verbirgt ihre Augen zudem, auch vor ihrer Familie, hinter einer Sonnenbrille. Lediglich in Gegenwart ihres kleinen Bruders Felix traut sie sich, die Sonnenbrille zuweilen abzunehmen.
Doch nun wird von ihr gefordert, zunächst den Alltag im Zuhause filmisch festzuhalten, ehe sie das Haus verlassen und sich unter (fremde) Menschen begeben soll.

Dabei verkriecht sie sich doch sogar, wenn Linus, der Freund ihres grossen Bruders Frank, vorbeikommt, um Frank zu besuchen, mit dem er die Leidenschaft für das Computerspiel „Land of Conquerors“ (LOC) teilt.
Ihre Mum meint zudem, seit Kurzem sicher zu wissen, dass Frank süchtig ist, nachdem sie in der „Daily Mail“, welche ihr uneingeschränktes Vertrauen geniesst, einen Artikel über die Anzeichen von Computerspielabhängigkeit und auch über die Gefahren von Computerspielen gelesen hat. Nun ist sie wild entschlossen, Frank zu heilen, während dieser sich auf ein LOC-Turnier vorbereiten will und offenbar auch mit dem Gedanken an eine Profikarriere als Gamer spielt.
In diesem Zusammenhang nähern sich Linus, der sich ebenso aus der Sucht-Debatte heraushalten möchte wie er will, dass seine Anwesenheit Audrey nicht länger ängstigt, und Audrey, die sich mit ihrer Kamera langsam an ihre Mitmenschen herantastet, vorsichtig einander an, bis Linus die von Audreys Therapeutin gestellten Herausforderungen in eine Art Challenge-Wettstreit verwandelt …



„Finding Audrey“ ist das erste Jugendbuch von Sophie Kinsella, die die Meisten auf Anhieb wohl mit der „Shopaholic“-Reihe und im Allgemeinen mit spritzig-witzigen Unterhaltungsromanen in Verbindung bringen: Auch „Finding Audrey“ beginnt reichlich schräg (mit der Mutter, die im Begriff steht, Franks Computer aus dem Fenster zu werfen [woraufhin zunächst rückblickend erzählt wird, wie es zu dieser Szene gekommen ist]), entwickelt sich dann aber doch sehr anders als die bislang üblichen Kinsella-Romane. Dies liegt zum Einen sicherlich daran, dass hier eine gänzlich andere Zielgruppe angesprochen wird, meiner Meinung nach zum Anderen aber insbesondere daran, dass Audreys Sozialphobie hier ein zu ernstes Problem darstellt als dass man es tatsächlich noch so humoristisch wie Rebecca Bloomwoods Kaufsucht darstellen könnte. Natürlich ist das Kaufverhalten der Shopaholic-Protagonistin unbestritten ebenfalls krankhaft, aber zumindest für mich ist eine 14jährige Jugendliche, die an einer derart ausgeprägten Sozialphobie leidet, dann doch noch mit deutlich mehr Ernst zu behandeln als eine Erwachsene, die ihren Kaufzwang nicht in den Griff bekommt.

Worin Audreys Erkrankung genau begründet liegt, wird in „Finding Audrey“ übrigens nicht genau ausgeführt. Man erfährt lediglich, dass es letztlich einen wohl sehr heftigen Vorfall gegeben hat, bei dem eine Gruppe Mitschülerinnen Audrey offenbar in einer nicht weiter erwähnten Form angegriffen hat. Zwischen den Zeilen klingt zudem heraus, dass Audrey von den besagten Mädchen zuvor schon länger gemobbt worden war.
Aber wie gesagt: Dies wird nicht weiter ausgeführt. Audrey, die hier als Erzählerin auftritt, welche sich an einigen wenigen Stellen auch direkt an den Leser wendet, dem sie das alles erzählt, sagt auch recht zeitig, dass sie den Auslöser ihrer Angststörung nicht weiter benennen will. In der Therapie habe sie gelernt, es sei okay, etwas auch mal nicht erzählen zu wollen, sondern einfach mal zu schweigen; dass sie mit ihrer Last zudem nicht auch noch Unbeteiligte, also den Leser, ihren 'Zuhörer', belasten wolle.
Wer als Leser also gerne umfassend Bescheid weiss und solche nur vagen Erklärungen hasst, der wird mit „Finding Audrey“ sicherlich ein wenig hadern und sich nur schwer auf den Roman einlassen können.
Ich fand es schliesslich nun doch sehr angenehm, dass mal nicht ständig wiederholt wurde, welch schlimme Vorkommnisse sich da in der Vergangenheit zugetragen hatten, sondern dass es hier eben nur den „Blick nach vorne“ gab und Audreys Sozialphobie quasi wie eine riesige, aber überwindbare Hürde auf dem vor ihr liegenden Weg geschildert wurde.

Dabei stellt „Finding Audrey“ aber eher eine Momentaufnahme dar, bildet nur eine Audrey extrem beanspruchende Therapiephase ab. Da fand ich es dann doch ein wenig schade, letztlich nicht zu wissen, wie es Audrey nun ein, zwei, …, fünf Jahre später gegangen ist. In meinen Augen würde sich hier noch ein später einsetzendes Sequel anbieten, „Finding Audrey“ ist allerdings (noch?) als standalone novel ausgewiesen.

Ich mochte Audrey und ihre Erzählweise im Allgemeinen recht gerne, ich fand es auch sehr sympathisch, dass sie doch immer überlegte, wie sie etwas bewerkstelligen könnte (z.B. den nächsten Starbucks aufsuchen), auch wenn sie häufig deutlich machte, sich nicht vorstellen zu können, es tatsächlich zu schaffen. Da klang dann auch durch, dass sie selbst von ihrer Situation sehr genervt war und gerne wieder das nette, normale Mädchen von nebenan wäre anstatt der Teenie, der nie die Sonnenbrille abnahm und sich gerne hinter den Vorhängen versteckte.

Linus entpuppte sich zudem als unglaublich mitfühlende, einfühlsame Figur: Er schien intuitiv zu wissen, wie er Audrey am Besten begegnen sollte, wie er sie unterstützen konnte.
Als ich „Finding Audrey“ zu lesen begann, hatte ich ja angesichts der offiziellen Kurzbeschreibung zunächst die Befürchtung, dies sei wieder eine der Geschichten, in der die Protagonistin durch die unbändige Liebe des männlichen Parts plötzlich zu neuem Leben erwachen würde und damit sei alles gut, und komplett vergessen, welche Schwierigkeiten vorher waren: Aber „Finding Audrey“ blieb dann doch sehr viel mehr Jugenddrama als YA Romance, auch dann noch, als sich Audrey und Linus vorsichtig immer näherkamen. Aber Audreys wachsendes Vertrauen in Linus bedeutete eben nicht, dass sie sich automatisch auch mehr soziale Interaktionen zugetraut haben würde.
Diese Darstellung der langsamen Entwicklung(en) fand ich hier sehr glaubhaft wiedergegeben.

Aufgelockert wird „Finding Audrey“ hauptsächlich durch die fast schon furiosen Auftritte der Mutter und ihre geschilderten „Wir müssen Frank retten!“-Bemühungen, wobei es doch ein wenig skurril anmutete, dass sie Frank als das „Problemkind“ der Familie ansah. Schräg waren auch ihre wiederholten „In der Daily Mail habe ich gelesen, dass...“-Erläuterungen und insgesamt kommt Humor hier eben in erster Linie in den von Audrey gemachten Beobachtungen des Familienlebens zum Vorschein.
Durch den Wechsel zwischen der eher passiven Audrey und der aktiven Audrey, die sich mit ihrer Problemsituation auseinandersetzt, bleibt die gesamte Erzählung auch sehr ausgewogen und lässt einen doch auch immer wieder mal Schmunzeln, trotz der Sozialphobie-Thematik wirkt das Ganze auch nicht so düster und depressiv wie es könnte, was ich dem Roman grad in seiner Eigenschaft als Jugendbuch sehr hoch anrechne.

Insgesamt fand ich „Finding Audrey“ nun doch ein sehr schönes Jugendbuch!


Am 20.07. wird „Finding Audrey“ unter dem Titel „Schau mir in die Augen, Audrey“ auch auf Deutsch veröffentlicht, wobei mir der deutsche Titel nun zu leicht klingt. „Finding Audrey“ finde ich von der Aussagekraft her sehr viel passender, sowohl der italienische als auch der schwedische Titel lauten übersetzt übrigens „Wo ist Audrey?“. Diese Titelfrage sagt mir auch deutlich mehr zu als „Schau mir in die Augen, Audrey“, da es hauptsächlich darum geht, dass Audrey sich aus ihrem Versteck herausbewegen und ihre Maskerade aufgeben soll, um sich selbst auch wieder im Alltag zu finden.
Im Übrigen finde ich auch das Covermotiv der englischsprachigen Ausgabe sehr toll gemacht, zeigt es doch die quasi mit dem Muster ihres Oberteils verblendende Audrey. (Auch die schwedische Ausgabe wird mit diesem Motiv erscheinen.)
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Sophie Kinsella: „Finding Audrey“ – hat mir wirklich gut gefallen!
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„Finding Audrey“ von Sophie Kinsella, erschienen am 04.06.2015
Amazon: Kindle eBook (10,99€)* / Taschenbuch (12,95€ [288 Seiten])*
Thalia Schweiz: ePub (CHF 12,00)* / Taschenbuch (CHF 23,90)*

„Finding Audrey“ erscheint unter dem Titel „Schau mir in die Augen, Audrey“* am 20.07.2015 auf Deutsch.

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