Sonntag, 12. Juli 2015

Jessica Knoll: "Luckiest Girl Alive"

Jessica Knoll: "Luckiest Girl Alive"


Die 28jährige TifAni FaNelli steht kurz vor der Hochzeit mit ihrem Verlobten Luke Harrison, der ihre dunklen sexuellen Fantasien zwar nicht kennt und ihr ihre diesbezüglichen Wünsche auch nicht erfüllt, ihr, die sie längst nur als „Ani“ auftritt, aber einen „ordentlichen“ amerikanischen Nachnamen verspricht, mit dem sie in der Masse untergehen will bzw. der ihr mehr „Perfektion“ verleihen und einen Schlussstrich unter ihre Existenz als TifAni FaNelli ziehen soll.
TifAni Fanelli: Das ist in Anis Augen jene naive 14Jährige, die von einer katholischen Mädchenschule auf die reguläre Bradley-Schule gewechselt war und sich der coolen Clique dort quasi völlig ausgeliefert hat, nur um dazuzugehören, während sie sich insgeheim aber viel lieber mit Arthur umgab, jenem Mitschüler, der ihr gleich deutlich machte, dass Falschheit jenes „Angesagten-Trüppchen“ kennzeichnete.  Doch auch wenn TifAni sich gerne an den Lästereien beteiligte, strebte sie doch weiterhin danach, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein, auch dann noch, als einige männliche Mitschüler ihr gegenüber sexuell mehr als nur zudringlich wurden.

Schliesslich kam es zu einem grossen, grausamen Vorfall, der die Bradley-Schule über die Landesgrenzen hinweg traurige Berühmtheit erlangen liess und in Folge dessen TifAni immer wieder in das Visier derjenigen geriet, die nach Schuld und Mitschuld fragten.

Aber erst heute, kurz vor ihrer Hochzeit, als eine TV-Produktion eine Dokumentation über Bradley drehen will, ist Ani bereit, tatsächlich einmal die ganze Wahrheit zu schildern und weder sich noch irgendjemand Anderen der damals Beteiligten zu schützen. Auch wenn ihr persönliches Umfeld gegen Anis Teilnahme an dieser Reportage ist: Luke hat bis heute nicht einmal zuhören wollen, sondern immer abgewehrt, wenn Ani sich über ihre Vergangenheit aussprechen wollte.
Doch trotz all der Vetos ist für Ani klar: Sie will und muss das auskotzen, was sie so lange in sich hineingefressen hat – auch wenn sie damit riskiert, alles zu verlieren.


Jessica Knoll machte mir den Einstieg in „Luckiest Girl Alive“ nicht leicht: Zum Einen berichtet der Roman parallel von zwei verschiedenen Zeitsträngen, spielt prinzipiell im Heute, wobei die Gegenwart lediglich in kürzeren Szenen abgebildet wird, welche immer wieder von Schilderungen des damaligen Geschehens unterbrochen werden. Dabei wird anfangs bereits klar gemacht, dass Ani an einer Reportage über die einst von ihr besuchte Bradley teilzunehmen plant, der genaue Grund dieser TV-Dokumentation wird aber erst sehr spät, im weiteren Verlauf der Geschichte, offenbart. Das fand ich persönlich etwas unglücklich dargestellt, da ich anfangs so den Eindruck hatte, dass die TV-Produktion insgesamt eher belanglos und nur für Ani selbst relevant wäre. Ich hätte gerne eher erfahren, was die Schule in den Fokus der Aufmerksamkeit hat rücken lassen, so wirkte es teilweise wie ein Beitrag im Regionalfernsehen, in dem eine Schule aus der entsprechenden Region vorgestellt wird, „so war es damals, dort zur Schule zu gehen“.  
Zum Anderen konnte ich mich aber vor Allem nur deswegen schwer auf den Roman einlassen, da Ani als Erzählerin auftritt und sie eine wirklich sehr unsympathische Person ist, die zum Beispiel gleich zu Anfang überlegt, ob sie mit diesem einen bestimmten neuen Messer auch ihren Verlobten töten könnte. Diese Szene hat mich gleich völlig verstört, da dachte ich nur: „Willst du ihn nun heiraten oder ermorden? Wenn du den Drang verspürst, ihn zu ermorden, wieso planst du dann überhaupt eure Hochzeit?“  (Da erinnert sie zumindest in ihren düsteren Fantasien ein wenig an Fiona aus „Hello Kitty muss sterben“*, mit der sie sonst allerdings nichts gemein hat.)

Auch die jugendliche TifAni verhielt sich eher verstörend, mochte die beliebten Mitschüler nicht, tat einerseits aber alles, um dazuzugehören, gab sich in den Begegnungen mit Arthur andererseits jedoch völlig gegen die „Coolen“ eingestellt. Warf ihnen dort Arroganz, Hochnäsigkeit, Oberflächlichkeit…, falsches Spiel vor, welches sie aber selbst betrieb, in dem sie mit Arthur ebenso über die ablästerte, denen sie ein lästerhaftes Grossmaul vorwarf.
Angesichts ihrer eigenen Abgebrühtheit erschien es mir auch schnell kaum zu glauben, dass sie damals erst 14 gewesen sein sollte, wobei es immer wieder Momente gab, in denen durchschien, dass ihre vermeintliche Raffinesse eigentlich nicht mehr als Unsicherheit war, dass in ihr ein Mädchen steckte, dass mit dem Erwachsenwerden nicht klar kam, was sich bei ihr körperlich aber sehr schnell sehr deutlich zeigte. Sprich: Sie war prinzipiell das Kind mit der riesigen Oberweite, dem man absprach, noch Kind zu sein und in dem man auch längst mehr eine Erwachsene als die unbedarfte Jugendliche sah.
Nichtsdestotrotz blieb sie aber so unsympathisch wie der Teenie, der in gewissen minderwertigen Fernsehproduktionen schliesslich in ein Bootcamp geschickt wird.

Letztlich zeigte sie ebenso wie andere Figuren dieses Romans aber sehr gut auf, dass Opfer nicht immer lieb sind, dass auch Personen, mit denen man sehr sympathisiert(e), Täter sein können und dass die Grenzen zwischen Tätern und Opfern schnell verfliessen können, dass jemand, der zu einer Tat nicht fähig ist, dennoch andere Taten begehen kann, dass ein Opfer in der Vergangenheit schon Täter gewesen sein kann und umgekehrt.
Dass Taten Taten sind und auch nicht dadurch zu beschönigen sind, dass ein Täter später zum Opfer und hier zum Fürsprecher anderer Opfer wird. Dass seine eigene Tat gegenüber seinem Opfer dennoch bestehen bleibt, auch in der Relevanz nicht kleiner wird.

Definitiv keine Buchempfehlung für Opfer von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch!


Es mag sich dabei um einen Minispoiler handeln, aber ich habe ja bereits in der kurzen Zusammenfassung erwähnt, dass TifAni in dieser Hinsicht zum Opfer wurde und ich will hier dringend darauf hinweisen, dass meiner Meinung nach „Luckiest Girl Alive“ akute Triggergefahr für Vergewaltigungsopfer in sich trägt, grade für Diejenigen, deren Fall heruntergespielt wurde.
So war TifAni auch mal die „Schulschlampe, die sowas gerne mitmacht“ oder die „Tussi, die doch selbst schuld ist“ und ohnehin ist das alles doch nicht so ernstzunehmen, weil „die Jungs bestimmt auch betrunken waren“ (oder auch: „Na, bei den Riesenmöpsen kommen Jungs halt schonmal auf so blöde Ideen.“) und TifAni „weiss doch selbst auch nicht mehr so genau, was da eigentlich vorgefallen ist“.
Vor allen Dingen diese Vergewaltigungsthematik zieht sich später wie ein roter Faden durch das Buch; die erwachsene Ani will unbedingt, dass offiziell, auch von Täterseite, endlich eingeräumt wird, dass sie vergewaltigt worden ist.
 

„Gone Girl“, „The Girl On The Train“ …


… diese Aufzählung wird häufig unter Anderem mit “Luckiest Girl Alive” fortgeführt: Den Vergleich mit “Gone Girl” kann ich gar nicht nachvollziehen, auf Gillian Flynn bezogen würde ich Ani eher noch mit einer Camille Parker („Sharp Objects“, dt.: „Cry Baby – Scharfe Schnitte“*) vergleichen, die es irgendwie in die Handlung von „Dark Places“* (dt.: „Dark Places – Gefährliche Erinnerung“*) verschlagen hat. Grade der Vergleich mit „Gone Girl“ hatte mich persönlich auf eine drastisch-dramatische Schlusswendung hoffen lassen, aber stattdessen lief die Geschichte dann doch eher abrupt aus, wobei ich der Meinung bin, sie hätte mit einem deutlich lauteren Knall beendet werden können. Da wurde in meinen Augen ziemlich viel Potential einfach verpuffen gelassen, nachdem die Geschichte mit einigen kleineren Überraschungen doch schon auf einen äusserst spektakulären showdown zuzusteuern schien.
Den Vergleich mit dem Zugmädel kann ich insofern nachvollziehen, als dass die dortige Hauptperson ja nun auch nicht unbedingt der allergrösste Sympathieträger war, von mir aber dennoch mehr gemocht wurde als Ani, die ich schon als Kind vor den ganzen Vorfällen als sehr anstrengend empfunden hatte.
Mir persönlich drängte sich hier ein ganz anderer Buchvergleich auf: Meiner Meinung nach wirkt „Luckiest Girl Alive“ wie eine finstere Reflektion, ein späterer Rückblick auf Jennifer Browns Jugendroman „Hate List“* (dt.: „Die Hassliste“), halt eine Art (böse) Erwachsenenversion hiervon.

Ich gebe allerdings ganz offen zu, dass ich, nachdem es mir so schwerfiel, mich in die Handlung einzufinden, schnell an einem Punkt angelangte, an dem ich nur deswegen weiterlas, weil ich wissen wollte, was nun so besonders an der Bradley gewesen war, dass die Schule einer ausführlichen TV-Reportage würdig geworden war. Nachdem das dann offenbart wurde, war ich auch gleich mehr in der Geschichte drin und hab ein paar Mal auch zurückgeblättert, um eine Szene nochmal zu lesen, weil es mir teils so unwirklich erschien, dass ich grad tatsächlich das gelesen hatte, was ich eben gelesen hatte. Da bleibt die Geschichte auch später noch etwas verworren und sehr unfassbar, aber anfangs fand ich sie wirklich eher zäh und noch ziemlich nichtssagend.
Vom gaaaaaaanz grossen, unbedingten Begeisterungssturm wurde ich hier also nicht erfasst!
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Jessica Knoll: "Luckiest Girl Alive" - gefiel mir, aber ich hatte mir doch noch deutlich mehr erwartet!
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„Luckiest Girl Alive“ von Jessica Knoll, erschienen am 14.05.2015
Amazon: Kindle eBook (9,79€)* / Taschenbuch (12,95€ [341 Seiten])*
Thalia CH: ePub (CHF 13,30)* / Taschenbuch (CHF 29,90)*

„Luckiest Girl Alive“ erscheint unter dem Titel „Ich. Bin. So. Glücklich.“* am 05.11.2015 auch auf Deutsch. 

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